Christian Neff: Planung und Ausbau der FSA+ Angebote

Sitzung vom 21. März 2017: Votum als Audiodatei zum Nachhören.

Geschätzte Präsidentin

Geschätzte Dame und Herren Stadträte

Geschätzte Kolleginnen und Kollegen, Gäste auf der Tribüne und Vertreter der Presse

Der Postulatsbericht, der in seiner Fülle und Ausführlichkeit, Analyse und Prognosekraft einen stolzen Anteil unserer Freizeit für sich forderte, ist ein Lehrstück dessen, wie ein solches Papier verfasst werden sollte. Vielen Dank an die Verantwortlichen.

Dieser Postulatsbericht aber, der sich – in seiner Fülle und Ausführlichkeit – dem Thema des Freiwilligen Schulhausangebots widmet, greift nicht das auf, was wir hier drin diskutieren müssten.

Sehen Sie, geschätzte Damen und Herren, wir können uns eigentlich gar nicht vollumfänglich gegen diese Anträge stellen. Denn einerseits gilt es, der Stadt weitere Mittel zur Verfügung zu stellen, Dank derer die steigende Anzahl Kinder, die den Mittagstisch besuchen, betreut werden können. Und das ist gesetzliche Pflicht.

Andererseits aber verändert sich die Werthaltung unserer Gesellschaft. Und ich wiederhole das nochmals:

Die Werthaltung unserer Gesellschaft verändert sich dahingehend, dass Kinder zu einem Outsourcing-Produkt verkommen.

  • Ich spreche nicht über Familien, bei denen, um in Würde leben zu können, beide Elternteile arbeiten gehen müssen.
  • Ich spreche nicht über Familien, bei denen, weil die Kinder schon grösser und daher viel selbständiger sind, beide Elternteile arbeiten gehen.
  • Ich spreche aber über Familien, bei denen es finanziell nicht notwendig wäre, dass beide Elternteile arbeiten gehen müssen.
  • Und ich spreche über diese Familien, bei denen nur ein Elternteil arbeitet, genügend verdient, aber das zweite Elternteil den Hobbies fröhnt – und dazu die Kinder outsourced.

Die Gesellschaft erzieht uns tagein tagaus, dass man alles haben kann. Man kann Arbeiten, Geld verdienen, man soll sich alles leisten können, ja sogar Kinder soll man haben dürfen.

Die Kinder… bleiben zurück. Denn in den zwei zuletzt genannten „Familien“ ist das Kindswohl nicht mehr Priorität eins. Das Kind will Spass. Ja. Das Kind will ein schönes Zuhause. Ja. Das Kind will aber auch seine Eltern.

Es hat – Herrgott nochmal – ein Recht darauf.

Aber nein. Wir investieren Millionen ins FSA+ Angebot, damit noch mehr Eltern, die die Wahl – nein, die Chance hätten, der einzigen, aber wirklich einzigen, naturgegebenen Verantwortung entfliehen können.

Diejenigen von uns Neunen hier, die dieses Angebot unterstützen, haben kapituliert. Wir sehen es als unmöglich an, die Gesellschaft, wie sie sich entwickelt, massgeblich verändern zu können. Aber was wir tun werden, ist es, uns dafür einzusetzen und Sie davon zu überzeugen, dass diejenigen, die über genügend Einkommen verfügen, auch gebührend zur Kasse gebeten werden. Es kann nicht sein, dass die Outsourcing-Luxus-Fälle nur ¼ des Aufwandes decken müssen und der Rest durch die Steuern derjenigen, bei denen schlichtweg beide Elternteile zur Arbeit gezwungen sind.

Und die Begründung, dass diese dann private Dienste oder Nannies engagieren – nur zu. Wir haben in der nahen Vergangenheit gelernt, dass Schulen und Pflegeheime, die von Privaten geführt werden, um einiges kostengünstiger betrieben werden können. Vielleicht müssen wir uns einmal darüber unterhalten, wieviel des FSA+ Angebots von der Privatwirtschaft wahrgenommen werden sollte.

Dass der ‚Abgang‘ von Kindern finanzkräftiger Doppelverdienerfamilien ein Verlust für die Durchmischung ist – sehen wir nicht so. Kinder funktionieren, agieren, reagieren und kommunizieren in Mustern jenseits von Knigge, Bankauszug und Kleidermarke. Weil es sie nämlich nicht kümmert – im Gegenteil zu uns Erwachsenen.

Ich bitte Sie, setzen auch Sie sich mit diesem Thema auseinander und tun Sie Ihres dazu, dass die Kinder in 20 Jahren nicht zum „Roboten“ erzogen sind, ihr erstes Leid keinem Fremden klagen und die Freude von etwas Geschafftem nicht im Stillen geniessen müssen. Dafür sind Eltern da.

Das Postulat schreiben wir ab und den Antrag 2 nehmen wir grossmehrheitlich an. Den Antrag 3 aber, da wir uns die grösst mögliche Flexibilität sichern wollen, werden wir ablehnen.

Danke.

Christian Neff

Anmerkung: Es gilt das gesprochene Wort.